Atmosphäre mit einfachen Mitteln Original-Artikel bald als Bild zum anschauen
Hörspielsommer startet auf der Wallwitzburg trotz Regens
Mitteldeutsche Zeitung, Anhalt-Kurier, von Thomas Arndt, 30.07.07, Seite 10.

|Die Wallwitzburg nach Sonnenuntergang. Für den Hörspielsommer wurde sie extra herausgeputzt|
Dessau/MZ. Der Regen verschont Spaziergänger im Dessauer Georgengarten am Sonnabendnachmittag nicht. Unter den Bäumen findet man gerade noch Schutz. Nur wenige Sonnenstrahlen wagen den Kampf mit dem dicht bedeckten Himmel. Auf dem Plateau vor der Wallwitzburg hat der Verein des historischen Gebäudes eine Plane zum Schutz gespannt. Eine kleine Gruppe Interessierter macht es sich gemütlich. Es ist eine Art Generalprobe für den Hörspielsommer auf der Burg. Am Abend werden sich kurz nach 22 Uhr 80 Zuhörer auf dem Plateau einfinden und bei Fackeln und Teelichtern der gruseligen Geschichte von "Jack the Ripper" lauschen.
"Wir sind ja froh, dass trotzdem noch ein paar gekommen sind, trotz des miesen Wetters", richtet Martin Förster am Nachmittag seine Worte an die Zuhörer. Der Vorsitzende des Wallwitzburgvereins hat seine Idee aus Berlin mitgebracht, wo er eine Zeit lang lebte. Aber auch in anderen Städten gibt es einen Hörspielsommer. In Leipzig ist er gerade zu Ende gegangen. In Dessau, wo es immerhin schon den Hörspielwinter im Schwabehof gibt, geht jetzt auch der Hörspielsommer los.
"Ich habe auch privat viele Hörspiele gehört, und dachte hier auf der Burg, in der Dämmerung, das macht sich gut", sagt Förster. Also hat der Verein die Idee umgesetzt. An diesem Nachmittag hören die Besucher die Geschichte des Australiers Paul Spense. In der Story "Blackout" schickt Autor Frank Gustavus seinen dem Alkohol verfallenen Helden zurück nach Nazideutschland. Verloren zwischen Wirklichkeit und Illusion muss Spense sich der Folter der Nazi-Offiziere aussetzen, trifft seine eigene Mutter und wird am Ende zusammen mit Juden deportiert.
Zwei ältere Damen haben den Blick durch die Bäume der Elbe zugewandt, scheinen besonders ergriffen zu lauschen. Der Wind rauscht. Ein Ehepaar sitzt ihnen gegenüber, der Mann hat den Kopf konzentriert auf die Hand gestützt. Daneben drei weitere Frauen. Eine von ihnen ist Dorothea Schrader aus Minden. Die 56-jährige Fotografin ist seit einer Woche im Urlaub. Zum zweiten Mal in Dessau wollte sie unbedingt den Marquis de Sade im Kraftwerk Vockerode schauen. Am Sonnabend macht sie einen Spaziergang an der Mulde entlang, auf ihrer Wanderkarte findet sie einen Weg in den Georgengarten und folgt ihm. An der Wallwitzburg trifft sie schließlich auf Martin Förster. "Von dem Engagement des Vereins bin ich beeindruckt, mit so einfachen Mitteln eine tolle Atmosphäre aufzubauen."
Einfach ist es tatsächlich alles. Die Bänke sind aus dem Robert-Koch-Krankenhaus entliehen, den Kuchen für die Zuhörer hat Försters Mutter gebacken. Woher der Strom kommt, will eine Zuhörerin in der Pause wissen. Der kommt aus dem Wallwitzhafen per Kabel. "Ich bin mit dem Kabel in der Hand selbst durch die Elbe geschwommen", scherzt Förster. Für Notfälle gibt es noch ein Aggregat.
Mit dem Hörspielsommer will der Verein das Interesse der Dessau-Roßlauer auf die Burg richten und weitere Spenden für die Sanierung sammeln. In fünf Jahren sollen Erker und Zwischengeschoss rekonstruiert sein, in zehn Jahren der Treppenturm. Derzeit führt eine Stahltreppe hinauf auf die Aussichtsplattform mit den restaurierten Zinnen. Irgendjemand hat vor zwei Monaten die Zinkbleche von einigen Zinnen abgerissen. Noch sind sie nicht repariert. Vielleicht ändert sich das ja, wenn mehr auf die Burg aufmerksam werden.
Bis zum September geht es mit gruseligen Geschichten in der Dämmerung auf der Wallwitzburg weiter. Es werden Geschichten von und über Edgar Allan Poe zu hören sein. Wenn es ein Erfolg wird, dann wird der Dessauer Hörspielsommer vielleicht auch zur Tradition. Und auch Dorothea Schrader aus Minden ist nach ihrem überraschenden Besuch auf der Wallwitzburg sicher: "Ich bin bestimmt nicht zum letzten Mal hier gewesen."
|Vorschau|
Pendel und Grube
Halle/MZ. Gleich zwei Veranstaltungen bietet der Förderverein Wallwitzburg am 11. August an. Der Gartenreichtag ist Anlass, in der Zeit von 10 bis 17 Uhr zu Kaffee, Kuchen und Hörspielen auf die Wallwitzburg einzuladen. Am Abend startet mit Sonnenuntergang gegen 21.30 Uhr eine Hörspielreihe mit Geschichten des amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe. An diesem Abend ist "Die Grube und das Pendel" zu hören. Karten zum Preis von vier Euro gibt es in der Buchhandlung Sieben Säulen, Puschkinallee, und bei Elektro-Peters, Kavalierstraße 65 im Vorverkauf, an der Abendkasse kosten sie fünf Euro.