Wallwitzburg - Gefahr und Herausforderung Original-Artikel als Bild zum anschauen

Wanderwegemeister im Unruhestand Gerhard Becker läutet gewissermaßen die Sturmglocken


Mitteldeutsche Zeitung, Anhalt-Kurier, von HANS-PETER BERTH, 13.04.98

Dessau/MZ. 200 Jahre alt wird im nächsten Jahr die an vier Wanderwegen liegende Wallwitzburg. Ob und wie dieses am nördlichen Zipfel des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches liegende Gebäude dieses Jubiläum überhaupt noch erleben wird, ist allerdings fraglich.

Gerhard Becker läutete in dieser Woche beim Denkmalpflegeamt Sturmglocken. Er wiederholte sein Anliegen im Grünflächenamt, wohin er zuständigkeitshalber verwiesen wurde. Nachdem vor kurzem eine Skulptur aus dem Beckerbruch verschwunden war, scheint sich derartiges in diesem Bereich fortzusetzen bzw. es wird versucht, Historisches zu beschädigen, warnte er. So entdeckte der frühere Wanderwegemeister, der nach wie vor viel mit dem Fahrradunterwegs ist, daß Unbekannte am Sockel der Sandsteinfigur „Sterbende Schäferin" (um 1790/95) gegraben und versucht hatten, die Platte mit der daraufliegende Figur beiseite zu schieben. Obendrein wurde die Figur, um deren Dasein sich eine Sage rankt, beschädigt.

| Gefahren grob missachtet |

Nur wenige Schritte davon entfernt liegt die Ruine der Wallwitzburg, die als Blick- und Aussichtspunkt auf dem künstlich erhöhten Wallwitzberg gesetzt worden war. Weil die inzwischen sehr baufällig ist, ließ die Stadt ein festes Absperrgitter setzen. Der entscheidende Teil des Gitters wurde nun herausgerissen und liegt verstreut im Gelände, auch eins der beiden Verbotsschilder gegen das Betreten der Anlage ist entfernt. Mehrfach hatte Becker spielende Kinder mit mehr oder weniger großem Erfolg aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich verwiesen. Denn die Baufälligkeit der Burg ist groß: So liegt eine Betonzwischendecke mit einer nur ganz geringen Auflage auf einem verrosteten Träger, macht Becker aufmerksam. Und genau darunter haben offensichtlich Kinder Reisig für ein Lagerfeuer aufgetürmt! „Bei geringster Erschütterung könnte die Decke herunterbrechen und noch Mauerwerk mitreißen. Meines Erachtens müßte nun endlich etwas Entscheidendes gemacht werden, weil zum wiederholten Male Absperrungen und Warnschilder abgerissen worden sind", teilte er in dieser Woche schriftlich den Ämtern mit. Dort nahm man die Hinweise dankend zur Kenntnis. Um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen, stocherte und „stänkerte" Becker - der Wanderwegemeister im Unruhestand - bei seinem Vorsprechen obendrein noch ein Bisschen.

Mit den Gefahrenhinweisen sei es nicht getan, denn die werden fortwährend ignoriert oder gar abgerissen, meint der Ex-Wander-Wegemeister. Nachseiner Ansicht gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Ruine so zu sichern, daß nichts herunterbrechen kann oder - sie abzureißen. „Es muß etwas Entscheidendes erfolgen, ehe etwas Schlimmes passiert", appelliert er. Abreißen wäre für ihn, den passionierten Heimatfreud, freilich sehr bitter. „In Dessau ist bereits viel abgerissen worden, was man hätte erhalten können", argumentiert der Mann.

| Diplomarbeit vorhanden, aber... |

Weil aber Becker so hartnäckig bohrte, zeigte ihn Grünflächenamtsmitarbeiterin Ina Lein eine. noch frische Diplomarbeit von Daniel Lichtenstein, Student an der. Fachhochschule Anhalt, die sich. mit der Rekonstruktion der Burgbeschäftigt und die Becker für sehr bemerkenswert hält. Konkrete Sanierungsabsichten liegen jedoch nicht vor. „Wir würden gern, wenn, wir könnten", sagte gestern Frau Lein zur MZ.

Für Becker wäre es herrlich wenn 1999 die Wallwitzburg wie-i der als Aussichtspunkt begehbari wäre. Doch das ist für ihn Wunsch-• denken - er ist Realist. Ihm ist die• Geldknappheit der Stadt nicht un-; bekannt. Und laut Frau Lein sei die Burgsanierung nicht für eini Taschengeld zu bewerkstelligen.

Becker ist erstmal erfreut, daß man sich an der Fachhochschule für die Wallwitzburg interessiert. Da sich aber erfahrungsgemäß derartige Umsetzungen hinziehen, wie Becker weiß, deshalb kam ihm der Gedanke, über die Presse auf das Problem hinzuweisen und mo- bil zu machen. So etwas Ähnliches zu inszenieren wie bei der Sanie- rung der Sieben Säulen oder beim Rathaus-Glockenspiel geschehen, das schwebt dem Heimatfreund vor: Eine Spendenaktion ins Leben zu rufen. Und er würde persönlich auch auf die Sammeltour gehen.

| Bis hin zum Petersberg |

Als Kind war Gerhard Becker, der in Ziebigk aufgewachsen war, selbst mehrfach auf der Plattform der Wallwitzburg und hatte ins Land mit seinen Sichtachsen geschaut. Bei klarem Wetter konnte der Petersberg gesehen werden. Am Wochende war geöffnet, in der Woche unten die Eisentür geschlossen. Ein Rentner aus Ziebigk betreute die Burg. Über einen Turm mit enger Wendeltreppe gelangte man auf die Plattform. Davor lag ein Erkerzimmerchen, in dem Bilder hingen.

Aus eigener Erinnerung weiß
Becker, daß das historische Gebäude in den letzten Tagen des
2. Weltkrieges von einem Artillerieposten besetzt war: Die Amerikaner bekamen das mit und beschossen die Burg aus Tieffliegern. Nach dem Krieg war die Wendeltreppe noch begehbar, doch Vandalismus gab dem Gebäude bald den Rest.

In den 60er Jahren wurde die schon beschriebene Betonzwischendecke eingezogen. Noch kurz vor der Wende, hatte Becker mehrfach beobachtet, wurde die Ruine von Bergsteigern als Übungswand genutzt. Ihre Sicherungsringe stecken noch im Mauerwerk. Die sollten ein Symbol sein für die baldige Denkmalsicherung.